18. Juni 2026

Tagungszentrum Kolpinghaus München-Zentral GmbH

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Für wen sind die Kita Innovation Days gedacht?

Kita-Träger

Leitungen & pädagogische Fachkräfte

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Medienvertreter*innen

Interessierte Organisationen und potentielle Kooperationspartner

Interviews

Wir haben unsere ExpertInnen vor den Kita Innovation Days nach ihrer Meinung gefragt

Dr. Ilse Wehrmann

Was brauchen Kitas heute am dringendsten – mehr Geld, mehr Personal oder mehr Vertrauen?

Alle drei Bereiche hängen eng zusammen. Ohne ausreichend Personal können Fachkräfte keine gute pädagogische Arbeit leisten. Ohne finanzielle Investitionen fehlen Zeit, Qualität und gute Rahmenbedingungen. Und ohne Vertrauen werden Kitas oft mit Bürokratie belastet, statt gestärkt. 
 
Am dringendsten brauchen wir aber eine politische Prioritätensetzung für frühkindliche Bildung. Kitas sind keine Betreuungseinrichtungen nebenbei – sie sind der erste und wichtigste Bildungsort vieler Kinder. Wenn wir Chancengerechtigkeit wollen, müssen wir hier anfangen. 

Warum scheitert gute Kita-Politik oft zwischen Theorie und Praxis?

Weil politische Entscheidungen häufig entstehen, ohne den Alltag in den Einrichtungen wirklich mitzudenken. Auf dem Papier sehen viele Konzepte gut aus, aber in den Kitas fehlen Zeit, Personal und Ressourcen, um sie umzusetzen. 
 
Pädagogische Fachkräfte arbeiten oft an ihrer Belastungsgrenze und gleichzeitig steigen die Erwartungen an Bildung, Dokumentation und Förderung. In meinem Buch „Der Kita-Kollaps“ beschreibe ich die aktuelle Situation mit den Worten: „Kinder werden verwaltet, Eltern und Fachkräfte alleingelassen.“. Genau darin liegt das Problem: Zwischen politischen Zielsetzungen und der Realität in den Einrichtungen klafft vielerorts eine große Lücke.

Deshalb braucht Politik mehr Dialog mit der Praxis. Gute Kita-Politik entsteht nicht nur am Schreibtisch, sondern gemeinsam mit den Menschen, die täglich mit Kindern arbeiten.

Was macht Ihnen trotz aller Herausforderungen Hoffnung für die Zukunft der frühen Bildung?

Mich beeindruckt die enorme Leidenschaft und Professionalität vieler Fachkräfte. Trotz schwieriger Bedingungen setzen sie sich jeden Tag mit großer Hingabe für Kinder und Familien ein. Gleichzeitig wächst gesellschaftlich das Bewusstsein dafür, wie wichtig frühe Bildung ist. 
 
Immer mehr Menschen verstehen: Die ersten Lebensjahre prägen Bildungsbiografien, soziale Entwicklung und Zukunftschancen entscheidend. Schon vor vielen Jahren habe ich in meinem Buch „Kinder bilden Deutschlands Zukunft“ die Frage gestellt: „Wann fängt die Zukunft an? – Heute, bei unseren Kindern und ihrer Bildung!“ Genau davon bin ich bis heute überzeugt. Wenn Politik, Träger und Gesellschaft gemeinsam Verantwortung übernehmen, können wir Kitas zu den starken Bildungsorten machen, die Kinder heute brauchen. Die Zukunft beginnt nicht irgendwann – sie beginnt jeden Tag in unseren Kitas. 


Stefan Ruppaner

Wenn Schule ohne klassischen Unterricht funktioniert – was ist dann die wichtigste Aufgabe von Lehrkräften?

Die wichtigste Aufgabe von Lehrkräften besteht nicht darin, Unterricht zu erteilen, sondern Lernen zu ermöglichen. 
Lernen ist ein natürlicher Prozess. Kinder lernen laufen, sprechen und die Welt verstehen, lange bevor sie eine Schule betreten. Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht: „Wie unterrichten wir Kinder?“, sondern: „Wie schaffen wir Bedingungen, unter denen Kinder erfolgreich lernen können?“ 

In der Schmetterlingspädagogik werden Lehrkräfte zu Lernbegleiterinnen und Lernbegleitern. Sie beobachten, coachen, ermutigen und inspirieren. Sie helfen Kindern dabei, Ziele zu entwickeln, Herausforderungen zu meistern und Verantwortung für den eigenen Lernweg zu übernehmen. 

Dabei werden Lehrkräfte nicht weniger wichtig, sondern wichtiger denn je. Denn in einer Zeit, in der Wissen jederzeit verfügbar ist, gewinnen Beziehung, Orientierung und individuelle Begleitung an Bedeutung. Die Lehrkraft der Zukunft steht nicht vorne an der Tafel, sondern an der Seite des Kindes.  

Was überrascht Kinder und Eltern am meisten, wenn sie Ihr Schulkonzept erleben? 

Die größte Überraschung ist meist, wie selbstständig, konzentriert und verantwortungsbewusst Kinder handeln, wenn man ihnen Vertrauen schenkt. 

Viele Eltern kommen mit der Vorstellung zu uns, dass Lernen nur durch Unterricht funktioniert. Sie fragen sich, ob Kinder ohne ständige Kontrolle überhaupt etwas lernen. Nach kurzer Zeit erleben sie jedoch etwas Erstaunliches: Kinder arbeiten konzentriert an ihren Aufgaben, organisieren ihren Lernalltag, unterstützen sich gegenseitig und entwickeln eine beeindruckende Eigenverantwortung. 

Ebenso überrascht viele Besucherinnen und Besucher die Ruhe in unseren Lernlandschaften. Dort arbeiten hunderte Kinder ohne das permanente Kommando einer Lehrkraft und ohne die ständige Unterbrechung durch Klingelzeichen. 
Am meisten berührt Eltern jedoch, wenn ihre Kinder wieder gerne in die Schule gehen. Wenn sie zuhause nicht mehr erzählen, was sie alles machen mussten, sondern begeistert berichten, was sie gelernt, entdeckt oder erschaffen haben. Dann wird deutlich, dass Lernen und Unterricht nicht dasselbe sind.

Welche Veränderung wünschen Sie sich für das deutsche Bildungssystem? 

Ich wünsche mir den Mut, Schule vom Lernen her und nicht vom Unterricht her zu denken. 
Unser Bildungssystem orientiert sich noch immer an Strukturen des Industriezeitalters: Unterrichtsstunden, Stundenpläne, Jahrgangsklassen und ein Gleichschritt für alle. Doch Kinder sind verschieden, lernen unterschiedlich schnell und haben unterschiedliche Interessen und Talente. Deshalb brauchen wir einen Paradigmenwechsel. Weg von der Frage: „Wie organisieren wir Unterricht?“ Hin zur Frage: „Wie ermöglichen wir Lernen?“ 

Wir brauchen mehr Zeit für vertieftes Lernen statt einer Zerstückelung des Tages in 45-Minuten-Einheiten. Wir brauchen Lernlandschaften statt Klassenzimmer, Coaching statt Kontrolle und Vertrauen statt Misstrauen. 
Vor allem aber müssen wir Kindern wieder mehr zutrauen. Die Erfahrungen der Alemannenschule Wutöschingen zeigen seit vielen Jahren: Wenn Kinder Verantwortung übernehmen dürfen, entstehen nicht weniger Leistung und weniger Bildung, sondern mehr. Bildung für das 21. Jahrhundert bedeutet nicht, Kinder auf die Vergangenheit vorzubereiten. Bildung muss junge Menschen befähigen, ihre Zukunft selbstbewusst, verantwortungsvoll und kreativ zu gestalten. 


Prof. Dr. mult. Wassilios Fthenakis

Was ist aus Ihrer Sicht die größte Chance von KI für Kinder und pädagogische Fachkräfte?

KI kann dazu beitragen, Fachkräfte von Routineaufgaben zu entlasten. Sie kann helfen, den Lernprozess zu individualisieren sowie Lerninhalte und -prozesse in die Förderung der Kinder einzubeziehen, die sonst über die Sinnesorgane nicht zugänglich gewesen wären, weil sie zu weit weg liegen, bzw. risikobehaftet sind. KI kann als aktiver Ko-Konstrukteur den Bildungsprozess mitgestalten und nicht zuletzt in unterschiedlichen Funktionen, etwa als Tutor, als Lernender, die Bildungssituation bereichern.

Sie kann darüber hinaus dazu beitragen, evtl. aufkommende Auffälligkeiten beim Kind früh zu erkennen, was eine präventive Intervention erleichtern würde. Nicht zuletzt kann sie den individuellen Lernfortschritt dokumentieren und Lernprofile entwerfen.

Was sie nicht kann, ist die Fachkräfte in ihrer genuinen Aufgabe, mit den Kindern zu interagieren, die Face-to-Face-Kommunikation zu pflegen und die sozio-emotionale Entwicklung des Kindes zu stärken, zu ersetzen.

Wo sollten Kitas beim Einsatz von KI ganz klare Grenzen setzen?

Die Grenze der KI-Nutzung in der Bildung ist am ehesten dort zu erkennen, wo sie nicht mehr in Einklang mit dem pädagogischen Konzept steht, die Sicherheit des Kindes und der Schutz der individuellen Daten nicht gewährleistet. Vor allem aber dort, wo authentische Interaktionen, die erforderlich sind, nicht geboten werden.

Die KI darf nicht dazu führen, das Kind zu „digitalisieren“. Vielmehr sollen Kinder so in ihren Kompetenzen gestärkt werden, dass sie autonom die Entscheidung darüber treffen können, ob, wann, mit wem und zu welchem Zweck sie Technologien verwenden möchten. Nun haben Technologien den Status des Werkzeuges verlassen und den des Bildungspartners angenommen.

Es wird künftig darum gehen, Kinder zu befähigen, Beziehungen zu Personen wie auch zu KI-gestützten Technologien kompetent und verantwortungsvoll zu entwickeln. Unsere Aufmerksamkeit gilt den Wechselwirkungsprozessen sowie ethischen und Sicherheitsfragen, die sich in diesem Kontext stellen, besondere Aufmerksamkeit zu schenken. 

Wie können wir Kinder auf eine KI-geprägte Zukunft vorbereiten, ohne ihre Menschlichkeit zu verlieren?

Ein wichtiger Schwerpunkt der frühen Bildung wird künftig auf der Stärkung sozio-emotionaler Kompetenzen, wie metaemotionale Kompetenz, liegen. Weitere Kompetenzen wie Empathie, Wertschätzung von Diversität, kritisches Denken, Kreativität, Selbstregulation, Kommunikation und vor allem Kooperation, um nur einiges anzudeuten, gewinnen an Bedeutung. 

Gerade zu einer Zeit rasanter Veränderungsprozesse ist ein Bildungskonzept gefragt, das Kindern die Chance bietet, zu lernen, mit dem Wandel kompetent und verantwortungsvoll umzugehen. Gewissenhaftigkeit und Ausdauer erweisen sich als besonders bedeutsam für die weitere Entwicklung und für den beruflichen Erfolg des Kindes.

Generell: die Stärkung von Zukunftskompetenzen stellt einen zentralen Schwerpunkt in modernen Bildungskonzepten dar. Die obersten Ziele Wohlbefinden und Ethos bieten den Kombas für zukunftsorientierte Bildungskonzepte, die am besten über Interaktionen und Dialoge gestärkt werden können.

KI kann beides sein: Chance und Fluch. Es kommt dabei darauf an, wie sie genutzt wird. Wir haben die Möglichkeit, KI als Chance für die Bildung unserer Kinder dann zu gewinnen, wenn wir sie Evidenz basiert, kompetent und verantwortungsvoll in das pädagogische Konzept einbetten.

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